Hannah Helmke ist Gründerin des Fintechs right.based on science. In ihrem Job setzt sie sich mit dem Klimawandel auseinander. Dabei kommt es regelmäßig zu schwierigen Situationen: mit Unternehmen, auf Podiumsdiskussionen und mit ihren Geschäftspartner*innen. Wie geht sie damit um, was sind ihre Methoden? Wann funktioniert Harmonie und wann lohnt sich die Konfrontation? Ein Porträt.

Wer Hannah Helmke bei einem Vortrag zuhört, erlebt eine selbstbewusste Person, die ihre Position ruhig und klar vertritt. Beim XDC-Frühstück, dem Launch des von right.based on science entwickelten Modells X-Degree Compatibility (XDC) im April 2018, zeigt die schick gekleidete junge Frau auf die Folie hinter sich, auf der die wissenschaftsbasierte Vergleichskennzahl XDC die Klima(un)verträglichkeit großer Unternehmen aufzeigt. Sie hält regelmäßig Vorträge und sitzt auf Podien, um ihre Sicht auf den Klimawandel zu teilen. „Ich will meine Erfahrungen einbringen und zum komplexen Thema Klimawandel einen Zugang schaffen, zeigen, wie das Ganze handhabbar wird. Das reduziert die Hürden, den Klimawandel in die Entscheidungsfindung einzubeziehen.“ Ihre Mission: den Klimawandel mit objektiven Kennzahlen statt Regeln und Vorschriften mehr in die Entscheidungsfindung von Unternehmen einzubringen. Bei diesen Diskussionen geht es ihr aber viel zu zivilisiert zu: „Der Klimawandel ist etwas Empörenswertes! Das spüre ich aber bei diesen Veranstaltungen meist nicht“, bedauert Hannah. „Die Leute sagen zu oft einfach ihre Meinung und alle nicken schön, aber es kommt zu keinem wirklichen Austausch.“

Im Dialog mit Unternehmen zum Handeln bewegen

Sie und ihr Geschäftspartner Dr. Sebastian Müller versuchen, Unternehmen durch Informationen in Klimafragen zum Umdenken zu bewegen. „Wir arbeiten mit Transparenz, welche eine eigene Sprache spricht und mobilisiert“, erklärt Hannah. Aktivist*innen und Unternehmen stehen sich traditionell eher unversöhnlich gegenüber. Hannah dagegen will im Dialog mit Unternehmen gemeinsam analysieren, wie umweltfreundlich sie handeln und auch bewerten, ob mögliche Alternativen grün genug sind. Hannah streitet zwar fürs Klima, als Klimaaktivistin will sie aber trotzdem nicht bezeichnet werden: „Ich möchte mit meiner Arbeit zum Handeln bewegen, aber nicht so konfrontativ wie Aktivisten das tun.“ Ihre Rolle und die von ihrem Start-up right.based on science versteht sie eher als Aufklärungsarbeit im Hintergrund.

Durch das XDC-Modell und die Wirkungstransparenz, die so geschaffen wird, will das Team von right.based on science zeigen, dass klimabewusstes Verhalten ökonomisch tragbar sein kann. Sie stellen auf der Basis von Berechnungen eine Klimabilanz für die Unternehmen aus. Ihre Empfehlungen basieren dann zwar auf einer Formel, von einer rein sachlichen Kommunikation hält Hannah aber nichts: „Ich stelle keine Fakten ins Zentrum.“ Sie will die Fakten in ein emotionales Gefüge einbetten, um ein Umdenken zu erzeugen. Strategisch, aber authentisch, so lässt sich Hannahs Strategie zusammenfassen. Wenn Unternehmen ihren Beitrag zum Klimawandel so klar sehen, reagieren einige schockiert. „Hinter den Metriken, die wir da generieren, steckt die Info, ob ich auf der richtigen Seite der Geschichte stehe oder nicht“, sagt Hannah. „Das sind ziemlich mächtige Emotionen und wir merken, dass diese Emotionen auch unsere Kunden treiben.“

Fakten for Future

Beispielsweise sagte ihr einmal ein Portfoliomanager, der von right.based on science betreut wurde, er könne das XDC-Modell nicht nutzen, falls am Ende herauskomme, dass sein Portfolio ein Ergebnis über der Zwei-Grad-Grenze des Pariser Klimaabkommens erziele. Andere Kund*innen haben schon versucht, die Richtigkeit der Ergebnisse infrage zu stellen. „Die Strategie-Abteilung eines Konzerns wollte uns davon überzeugen, dass unsere Berechnungen falsch seien. Sie waren gar nicht wirklich an der Nutzung der Zahlen interessiert, sondern wollten uns nur an unserer Arbeit hindern, aus Angst, dass sie durch die Offenlegung der Ergebnisse Reputationsprobleme bekommen“, erinnert sich Hannah. In solchen Situationen greift Hannah doch auf eine rein faktenbasierte Kommunikation zurück: „Wir haben ihnen nochmal ganz klar vorgerechnet, dass wir wirklich recht haben.“ Wenn das Unternehmen immer noch nicht einsichtig ist, seien sie es spätestens dann, wenn Hannah durchblicken lässt, dass der Quellcode bald frei zugänglich sein wird: „Wenn sie schlau sind, arbeiten sie mit uns zusammen und überlegen sich, wie sie unser Bewertungsmetrik für sich einsetzen können.“

Faires Streiten im Arbeitsalltag

Die größten Auseinandersetzungen hat Hannah aber nicht mit ihren Kund*innen, sondern mit ihrem Unternehmenspartner Sebastian: „Wir sind gemeinsame Gründer von right.based on science. Wenn wir nicht gelernt hätten, miteinander zu streiten, um Dinge zu klären, dann würde das alles nicht funktionieren“, erzählt sie. „Das war eine lange Reise.“ Von ausgefeilten Streit-Methoden hält Hannah dabei aber wenig, sie hält sich lieber an einen Grundsatz, den sie im Umgang mit Tieren gelernt hat: „Ist man fair zu ihnen, vertrauen sie einem. Wenn nicht, dann verlassen sie einen. Es gibt kaum ein größeres Lob als das authentische Vertrauen von einem Pferd oder einem Hund.“ Damit das auch bei Menschen klappt, versucht sie, sich in einem Streit immer selbst zu beobachten. Wenn sie sich dabei erwischt, dass sie nicht mehr fair ist, verlässt sie die Situation kurz, um Gefühle wie Wut unter Kontrolle zu bekommen. Sie sagt sich dann: „Geh erst mal raus, eine Runde spazieren, fass dich und komm runter.“ Diskussionen versucht sie nur auf einer sachlichen Ebene zu führen. „Und zwar mit einem klaren Standpunkt, aber auch mit dem Bemühen, mein Gegenüber in seinem Standpunkt ernst zu nehmen.“ Es gibt einen ganz praktischen Trick, den Hannah anwendet: Während ihre Gesprächspartner*innen ihre Argumente vortragen, macht sie sich direkt Notizen und schreibt ihre Gedanken auf, damit ihr Kopf frei ist und sie dem Gegenüber zuhören kann. Dieses achtsame Zuhören ist für sie auch ein Teil von Fairness in einer Auseinandersetzung.

Fragt man Hannah nach Problemen als Gründerin, erzählt sie, dass sie manchmal nicht ernst genommen wird, und Kund*innen ihre Kompetenz infrage stellen, da sie keinen Doktortitel hat und manchmal in Jeans und T-Shirt rumläuft. In solchen Situationen fängt sie aber nicht an, zu streiten, sondern geht einen pragmatischen Weg an der Diskussion vorbei: „Wenn wir mit eher traditionellen Partnern oder Kunden in Kontakt stehen, übernimmt Sebastian als promovierter Jurist die Kommunikation.“ Findet sie nicht, dass sie diese Klischees bekämpfen müsste? Nein, sagt sie. „Bei den Leuten, die fortgeschrittener und offener sind, trete ich dann wieder mehr in den Vordergrund.“ Sie überzeuge skeptische Kund*innen einfach durch ihre Leistung, sodass diese Vorurteile nach und nach abgebaut werden.

Leichtigkeit und Respekt im Diskurs um den Klimawandel

Schwieriger als Kund*innen mit Vorurteilen sei aber die Trägheit wichtiger Entscheidungsträger*innen. „Bei einem größeren Konzern sind wir jetzt seit einem Jahr dran, vom Angebot zu den ersten Leistungen zu kommen“ sagt Hannah. „Wenn es in dieser Geschwindigkeit weitergeht, sehe ich da schwarz.“ Sie kann die Passivität nachvollziehen: „Es geht uns zu gut, wir merken den Klimawandel hier viel zu wenig“, sagt sie.

Trotz der Ernsthaftigkeit des Themas Klimaerwärmung wünscht sich Hannah mehr Leichtigkeit und Humor im Streit ums Klima. Die Fakten der Wissenschaft sollten mit emotionaler Intelligenz vermittelt werden. Gleichzeitig hat sie eine Forderung für den Umgang mit Menschen, die den Klimawandel leugnen: „Ich würde mir wünschen, dass das Streiten ums Klima mit viel mehr Nachsicht und Geduld passiert für die Leute, die den Klimawandel verleugnen. Das ist keine Ignoranz oder Dummheit, das ist Schwäche und eine Überforderung mit dem Thema globale Erderwärmung.“ Deswegen versucht sie auch während der Diskussion respektvoll zu bleiben, anstatt diese Menschen zu verurteilen. So will sie Pole abbauen, denn Hannah findet bei diesem wichtigen Thema sollte sich niemand auf Basis einfacher Wahrheiten durch das ungeschickte Verhalten des anderen aus der Konversation ziehen. Hannah sieht Expert*innen wie sich selbst, die ein großes Wissen über den Klimawandel haben, in der Verantwortung: Anstatt sich zu beschweren, will sie mit right.based on science dazu beitragen, mehr Menschen an der Klimafrage zu beteiligen.

Das ist right.based on science

Hannah hat 2016 right.based on science mit ihrem Partner Dr. Sebastian Müller gegründet. Das Ziel: Mehr Transparenz über klimarelevante Chancen und Risiken auf dem Markt schaffen, damit Unternehmen den Klimawandel stärker in ihre Entscheidungen einbeziehen können. Ihr Service, das XDC-Modell, zeigt Unternehmen und Finanzdienstleistern, wie sich ihr Handeln auf die globale Erderwärmung auswirkt und in Zukunft auswirken kann, je nachdem, welche Entscheidungen sie treffen.

Sie bestimmen auf Basis wissenschaftlicher Erkenntnisse und Unternehmensdaten den Beitrag einer wirtschaftlichen Einheit, z.B. eines Unternehmens oder Finanzdienstleisters, zur Globalen Erderwärmung, die X-Grad-Kompatibilität oder XDC. Am Beispiel eines Unternehmens: Um wie viel Grad würde sich die Erde bis 2050 erwärmen, wenn jedes Unternehmen genauso emissionsintensiv wirtschaften würde wie das untersuchte? Das Ziel ist es, mehr Kapital in klimafreundliche Unternehmen, Projekte und Strategien fließen zu lassen. Um mit ihrem Angebot möglichst viele Menschen und Unternehmen zu erreichen, stellen Hannah und Sebastian ihren Quellcode nach und nach als Open-Source-Code zur Verfügung.

 

 

1_rVrvselHfh6vPAt_vQxQeADieser Artikel stammt aus der Ausgabe #6 „Richtig streiten“ von Neue Narrative, dem Magazin für Neues Arbeiten.
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