Manuela Schwesig sprach im Bundestag vom „größten Beitrag zur Gleichberechtigung seit Einführung des Frauenwahlrechts“ – und meinte damit die Frauenquote für Aufsichtsräte. Inwieweit diese Einschätzung zutrifft, darüber lässt sich wohl streiten.

Fest steht: Seit 2016 gilt in Deutschland das Gesetz für die „gleichberechtigte Teilhabe von Frauen und Männern an Führungspositionen“. Das schreibt den rund 100 größten börsennotierten und mitbestimmungspflichtigen Unternehmen eine feste Quote von 30 Prozent für das jeweils unterrepräsentierte Geschlecht bei der Neubesetzung von Aufsichtsräten vor. Da das „unterrepräsentierte Geschlecht“ in Führungspositionen bisher fast ausschließlich das weibliche ist, hat sich der Begriff Frauenquote durchgesetzt.

Das Herzensprojekt der damaligen Familienministerin Schwesig kam allerdings nicht überall gut an: Für die Grünen und die Linke reichte das „Quötchen“ noch lange nicht aus, sie forderten 40, teilweise sogar 50 Prozent Frauen in Führungspositionen. Die Industrie hingegen jammerte, dass die Quote kaum einzuhalten sei – vor allem in der so männerdominierten Metall- und Elektroindustrie.

Es herrschte also schon vor Inkrafttreten des Gesetzes allgemeine Uneinigkeit und man munkelt sogar, dass im Deutschen Bundestag heimlich Wetten abgeschlossen wurden, wann die Quote wohl wieder abgeschafft wird. Anfang 2018 feierte die Frauenquote ihren zweiten Geburtstag. Überlebt hat sie bisher, aber bringt sie auch wirklich etwas?

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Mehr Frauen in Aufsichtsräten

Die gute Nachricht vorweg: Der Anteil von Frauen in Aufsichtsräten steigt tatsächlich stetig an. Das hat eine Studie der Universität Mainz herausgefunden. Die Wissenschaftler haben die Entwicklung in deutschen Aufsichtsräten zwischen 2009 und 2016 beobachtet und herausgefunden, dass der weibliche Anteil in den Führungsetagen schon seit 2010 stetig zunimmt.

Ende 2016 war die vorgegebene Quote von 30 Prozent im Durchschnitt zwar noch nicht erreicht, aber man sei „auf einem guten Weg und schon ziemlich nah dran“, so einer der Verantwortlichen der Studie, Christopher Koch. Und tatsächlich ist der Anteil von knapp 22 Prozent bei Einführung der verbindlichen Quote, auf heute über 28 Prozent gestiegen.

Diese positive Entwicklung ist allerdings kein Grund für Euphorie. Die Studie zeigt nämlich auch, dass sich der weibliche Einfluss in den Unternehmen nicht vergrößert hat. Frauen sitzen zwar immer häufiger im Aufsichtsrat, werden aber deutlich seltener als ihre männlichen Kollegen in Aufsichtsratsausschüsse berufen. Der weibliche Anteil in den Gremien ist seit 2009 sogar stetig gesunken.

Neue gläserne Decke für weibliche Führungskräfte?

Unumstritten ist der große Einfluss der Ausschüsse auf die Entwicklung und die Ausrichtung von Unternehmen. Ähnlich wie im Deutschen Bundestag sind die Aufsichtsräte zwar das entscheidende Plenum, die inhaltliche Arbeit und die thematische Vorbereitung finden allerdings in den Fachgremien statt. Weibliche Führungskräfte haben daher nur wenig Möglichkeiten, inhaltlich mitzuwirken und bleiben bei der Entscheidungsfindung häufig außen vor.

Die „Frauenquote“ sollte die gläsernen Decke für weibliche Führungskräfte in den Aufsichtsräten zerschlagen, doch scheint sich die Problematik jetzt auf die Arbeit in den Ausschüssen verlagert zu haben. Diese Entwicklung hat auch finanzielle Folgen: Da sich weibliche Führungskräfte nur selten an Ausschusstätigkeiten beteiligen können oder gar den Aufsichtsratsvorsitz übernehmen, verdienen sie durchschnittlich rund 30 Prozent weniger als ihre männlichen Kollegen.

Die Ausnahme von der Regel: Der Nominierungsausschuss

Doch es gibt Hoffnung, dass sich an dieser Situation bald etwas ändert. Lichtblick sind die sogenannten Nominierungsausschüsse, in denen über die Neubesetzung der Aufsichtsräte entschieden wird. Hier sind Frauen schon jetzt gleichberechtigt vertreten.

Laut Koch ein Schritt in die richtige Richtung: „Frauen haben eigene Netzwerke, die in Zukunft bei der Auswahl neuer Aufsichtsratsmitglieder eine größere Rolle spielen werden als bisher.“ Es gibt also durchaus Entwicklungspotenzial – auch für die Gleichberechtigung in den Gremien. Denn haben sich erst einmal neue Strukturen in den Aufsichtsräten etabliert, ist langfristig auch eine Veränderung in der Zusammensetzung der Ausschüsse realistisch.

 

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