Frauen haben es im Beruf heute immer noch schwerer als Männer: Die Vereinbarkeit von Alltag und Beruf gestaltet sich für viele Arbeitnehmerinnen weiter schwierig, der Gender Pay Gap ist immer noch nicht überwunden und jede vierte Frau wurde am Arbeitsplatz schon sexuell belästigt. Schuld daran ist eine Gesellschaft, die Sexismus immer noch toleriert, ja sogar regelrecht feiert. Grund genug also für Frauen, sich zusammenzuschließen und sich gegen die patriarchalisch geprägte Arbeitswelt zu verbünden. Oder? Die Realität sieht oft anders aus. Statt sich gegenseitig zu fördern und zu unterstützen, sind Frauen untereinander meist die härtesten Konkurrentinnen.

Der Weg nach oben auf der Karriereleiter ist für Frauen nicht nur steiniger, er ist auch gepflastert mit anderen Frauen, die einem nicht die Butter auf dem Brot gönnen. Das belegt auch eine Umfrage der German Consulting Group. Dieser zufolge fühlen sich Frauen insbesondere von ihren Kolleginnen auf dem Karriereweg behindert. Unsere Kolleginnen und Mitstreiterinnen sind oft unsere härtesten Kritikerinnen und unfairsten Konkurrentinnen. Doch woher kommt das eigentlich?

Vom Schulhof ins Büro

Wahrscheinlich liegt der Ursprung hierfür bereits in der frühesten Kindheit. Auch heute noch wird jungen Mädchen beigebracht, dass sich laut sein und Durchsetzungsvermögen nicht für eine junge Dame gehört. Mädchen werden also für Konkurrenzverhalten bestraft und fangen an, sich intrigant zu verhalten. Dieses anerzogene Verhalten setzt sich in der Grundschule fort. Fiese Mädchencliquen lästern auf dem Schulhof und mittlerweile auch im Internet. Wer nicht mithalten kann oder sich einen Fauxpas leistet, wird schneller gemobbt. Wieso sollte sich dieses Verhalten im Büro ändern?

Machtkämpfe: Männer und Frauen in Konkurrenzsituationen

Frauen wählen gern subtile Methoden, die es möglich machen, jederzeit alles abzustreiten oder es nachträglich als Missverständnis oder Überempfindlichkeit abstempeln zu können. Wahrscheinlich kennen Sie es auch: Kolleginnen werden durch Sticheleien, Isolierung oder böse Gerüchte schlecht gemacht. Dabei steht meist die Konkurrentin selbst im Zentrum des Angriffs – nicht jedoch deren Leistung. Konkurrenzkämpfe zwischen Frauen finden nämlich oft auf einer sehr persönlichen und emotionalen Ebene statt. Der Neid-Faktor spielt laut Psychologen hierbei eine entscheidende Rolle. Frauen freuen sich weit mehr über Misserfolge anderer als ihre männlichen Kollegen und werten sich selbst damit auf. Dass weibliche Missgunst mehr als ein Klischee ist, zeigt auch eine Studie der Soziologin Marianne Cooper: Mit steigendem Erfolg werden Männer beliebter, erfolgreiche Frauen werden hingegen immer weniger gemocht. Männer wiederum gehen mit Konkurrenzsituationen von klein auf ganz anders um. Sie sind Machtkämpfe um ihre Rangordnung gewohnt und kennen sich mit Niederlagen aus. Im Gegensatz zu Frauen nehmen sie Konkurrenz selten persönlich und verbünden sich nicht gegen andere Männer, sondern sehen ihre Rivalität als Anerkennung der eigenen Leistung.

Frauen sind Einzelkämpferinnen

Wir konkurrieren ständig mit anderen Frauen: um unser Aussehen, um Männer und um unsere Karriere. Dabei ist längst klar, dass man für das Erklimmen der Karriereleiter erst einmal ein Netzwerk braucht. Ein Blick in die Vergangenheit reicht um festzustellen, dass Männer im Bilden strategischer Allianzen seit Jahrtausenden geübt sind. Nicht umsonst spricht man umgangssprachlich von „Verbrüderung“ und nicht etwa „Verschwesterung“. Männer waren schon immer in Verbünden organisiert um gemeinsame Gegner auszuschalten. Dabei ging es nie um den Verbündeten, es ging nur um den Feind.
Warum können sich Frauen nicht so geschlossen präsentieren, wie es die Männerwelt tut? Frauen wollen es einfach alleine hinbekommen und verweigern oft den Zusammenschluss mit ihren Mitstreiterinnen. Die meisten erfolgreichen Frauen werden daher weiterhin als Einzelkämpferinnen wahrgenommen, und genießen ihren Stand als Ausnahmefall auch meist. Dabei verkennen sie, dass Männer immer nur dank eines in Jahrtausenden bewährten Netzwerks ihre Macht erhalten konnten. Und deswegen, weil wir Frauen uns gegenseitig bekämpfen statt zu kooperieren.

Der Feind in den eigenen Reihen – Sexismus unter Frauen

Man kann also durchaus von einer mangelnden Solidarität unter Frauen sprechen. Frauen stellen sich gegenseitig Fallen und sind Unwillens, Allianzen und Netzwerke zu bilden. Nicht selten sind sie sich selbst die schlimmsten Feinde und haben ein tief verwurzeltes Grundmisstrauen gegenüber anderen Frauen. Tatsächlich sind Sexismus und Geschlechterstereotype unter Frauen erstaunlich weit verbreitet. Gleichzeitig ziehen sie andere Frauen herunter, wenn diese aus ihrer Rolle ausbrechen wollen. Jeder „Ausnahmeerfolg“ einer Frau gefährdet den eigenen Ausbruchsversuch. Ein Erklärungsversuch der Münchner Literaturwissenschaftlerin Barbara Vinken ist, dass Frauen, die etwas erreichen wollen, meinen, männliche Attribute seien das Non-Plus-Ultra für Erfolg – auch für den, einer Frau. Sie wollen die Dinge anpacken wie die aktuellen Machtinhaber, die Männer.

Frauen, verbündet euch!

Wir Frauen können richtig gute Karrieren hinlegen. Nur leider stehen wir uns dabei häufig selbst im Weg. Wenn du möchtest, dass die Arbeitswelt frauenfreundlicher wird, musst du selbst aktiv werden – auch wenn das anfangs durchaus an der einen oder anderen Stelle Überwindung kostet. Hier sind 5 Tipps, mit denen mehr Zusammenhalt am Arbeitsplatz gelingt:

1. Schätze die Leistung deiner Kolleginnen – und deine eigene
Deine Kollegin hat heute wieder eine tolle Idee im Teammeeting eingebracht oder ein Gespräch mit einem schwierigen Kunden super gemeistert? Wenn dich die Arbeitsleistung einer Mitarbeiterin beeindruckt, lass ihr doch ein Kompliment da und drücke damit deine Wertschätzung für ihre gute Arbeit aus! Das gilt auch für die Konkurrenz. Hab keine Angst vor einem beruflichen Kräftemessen und nimm Rivalitäten nicht persönlich. Am Ende sind Konkurrentinnen keine Feinde, sondern die größten Bewunderer deiner Leistung. Sie geben dir die Möglichkeit, deine eigenen Stärken und Schwächen herauszufinden und über sich selbst hinauszuwachsen – etwa durch mehr Initiative im Unternehmen. Sei dabei auch selbstbewusst deinem eigenen Können gegenüber. Es spricht für sich selbst, andere talentierte Frauen zu verunglimpflichen und ihre Schwächen hervorzuheben ist nicht nötig.

2. Achte auf Deine Wortwahl
Bei der Wertschätzung deiner Kolleginnen spielt auch Sprache eine große Rolle, denn Sprache ist Macht. Achte deshalb darauf, wie du über und mit deinen Arbeitskolleginnen sprichst. Die „Jungs vom Marketing“ - würdest du so von deinen männlichen Kollegen sprechen? Verniedlichungen können schnell herabwürdigend wirken und Frauen weniger fähig oder ehrgeizig erscheinen lassen. Achte deshalb auf eine respektvolle Ausdrucksweise, so spiegelst du deine Anerkennung angemessen zurück und förderst auch die Wahrnehmung deiner eigenen Leistung im Unternehmen.

3. Sprich Probleme offen an
Es läuft gerade nicht so gut mit einer Kollegin? Du musst nicht best-friend mit jeder Kollegin sein, nur weil sie auch eine Frau ist. Trotzdem solltest du darauf achten wie du über andere Frauen im Büro sprichst um keine sexistischen Stereotype zu reproduzieren. Sei also keine Tratschtante, sondern sprich sie direkt auf ein Problem an! Halte eine Meinungsverschiedenheit aus und scheue den Konflikt nicht. Achte dabei aber unbedingt auf konstruktive Kritik. Es ist wissenschaftlich erwiesen, dass Männer für ihre Karriere hilfreichere Rückmeldungen bekommen als Frauen. Eine professionelle Kollegin wird dein Feedback also zu schätzen wissen.

4. Fördert euch gegenseitig
Männer sind Frauen dabei voraus, Netzwerke zu knüpfen, die sie beruflich weiterbringen. Mach es daher deinen männlichen Kollegen nach und fördere explizit deine weiblichen Kontakte! Du hast einen Auftrag zu vergeben und kennst eine geeignete Expertin? Für den Vortrag nächste Woche brauchst du noch einen Profi für eine Präsentation? Für die nächste Broschüre suchst du gerade ein Graphiktalent? Nutze deine weiblichen Geschäftskontakte und freue dich über deren beruflichen Erfolg – und zwar nicht nur unter vier Augen sondern vor dem gesamten Team. Es ist nämlich erwiesen, dass Männer für ihre Erfolge mehr bejubelt werden als weibliche Teammitglieder. Und spätestens wenn deine Kollegin irgendwann einmal in der Chefetage sitzt, wirst du dir selbst danken!

5. Zusammenhalt zwischen Mitarbeiterinnen
Genauso wie du selbst als Frau deine Wünsche im Unternehmen offen äußern solltest, gilt das auch für deine Kolleginnen. Greif ein, wenn deine Kolleginnen während Meetings unterbrochen werden. Das Phänomen namens „Manterrupting“ gibt es nämlich tatsächlich: Frauen wird wesentlich häufiger ins Wort gefallen als Männern. Und zwar auch von Frauen selbst, achte also beim nächsten Meeting darauf, nicht selbst in diese Falle zu tappen.
Wenn du merkst, dass Mitarbeiterinnen nur zögerlich ihre Bedürfnisse im Arbeitsleben einfordern, unterstütze sie! Das gilt auch für Belastungen, die über den Arbeitsalltag hinausgehen, etwa Doppel- und Dreifachbelastungen durch Beruf und Familie. Anstatt darüber herzuziehen, dass eine Kollegin schon wieder fehlt, weil ihr Kind krank ist, akzeptiere die unterschiedlichen Lebensentwürfe deiner Mitstreiterinnen und hilf dabei, Lösungen für eine bessere Vereinbarkeit von Privatleben und Arbeit zu schaffen. Sei loyal und setz dich für Frauennetzwerke im Unternehmen ein. Sie können dabei helfen, Ungerechtigkeiten aber auch Sexismus am Arbeitsplatz zu bekämpfen, da Frauen sich untereinander geschützt über Vorkommnisse austauschen können. Es ist allemal einfacher sich gemeinsam gegen Mobbing und sexuelle Belästigung zur Wehr zu setzen als als Einzelkämpferin!

 

Konkurrenz hin oder her – ein Arbeitsumfeld, das die Anforderungen von Frauen ernst nimmt, fällt auch positiv auf dich zurück. Empowerment am Arbeitsplatz aber gelingt nur, wenn du und deine Kolleginnen zusammenhaltet und ihr euch gegenseitig so selbstverständlich fördert und befördert wie es eure männlichen Kollegen tun. Ein konstruktives und förderndes Miteinander hat außerdem positive Effekte auf die Qualität des Arbeitslebens. Also: Schluss mit der Stutenbissigkeit! Und zwar nicht nur für deine Kolleginnen, sondern auch, weil du selbst davon profitierst.