Alle Jahre wieder beschert uns der Tag der Arbeit einen freien Tag. Dabei ist der 1. Mai wortwörtlich zum Feiertag verkommen: als entpolitisiertes Straßenfest statt einer Demo für bessere Arbeitsbedingungen. Dabei kam gerade in den letzten Jahren das Gefühl auf, dass die Leute wieder vermehrt auf die Straße gehen - ob die rechte PEGIDA, klimaschützende Schüler*innen auf den Fridays for Future, „Wir haben es satt“ Märsche gegen die Agrarpolitik, linke Ausschreitungen am G20 Gipfel oder die systemkritischen Gelbwesten in Frankreich. Warum also bleibt es am 1. Mai, seit über 100 Jahren traditioneller Demonstrationstag, mittlerweile so ruhig? Gibt es etwa nichts mehr an unseren Arbeitsbedingungen zu verbessern? Wir finden – doch! Wir haben hier zusammengefasst, wofür wir auch heute noch am 1. Mai kämpfen sollten:

Gerechter Lohn

Fast die Hälfte aller Deutschen ist laut einer aktuellen Xing-Studie unzufrieden mit ihrem Gehalt. Hört man sich im Freundeskreis um ist tatsächlich vieles, was für unsere Eltern früher selbstverständlich war, dieser Tage auch mit Studienabschluss für viele unerreichbar. Ein Eigenheim, drei Kinder, ein Elternteil bleibt zu Hause – wer kann sich das heute noch leisten? 

Wirft man einen Blick auf die Statistiken, ist das Durchschnittseinkommen zwar gestiegen, allerdings nur um etwa 1,5%. Gleichzeitig gab es aber eine Inflation von 2%. Die Konsequenz: weniger Geld zum Leben. Hinzu kommen strukturelle Ungerechtigkeiten wie die Lohnlücke zwischen Männern und Frauen, der sogenannte Gender Pay Gap.

Besonders schlecht bezahlt sind soziale Berufe wie Alten- und Krankenpfleger*in, aber auch Köch*innen und Kraftwagenfahrer*innen verdienen nur wenig. Trotz Mindestlohn sind die Arbeitnehmer*innen hier häufig auf Aufstockungen angewiesen.

Statt auf die Straße zu gehen, geht die Tendenz eher zum Zweit- und Drittjob. Mittlerweile gehen 2,8 Millionen Menschen in Deutschland neben ihrem Hauptberuf noch einer weiteren Tätigkeit nach. Teilweise handelt es sich dabei um Gutverdiener*innen, die in einer Nebenbeschäftigung Weiterentwicklungsmöglichkeiten sehen – häufig sind es aber auch Menschen am Existenzminimum, denen trotz Mindestlohn das Einkommen nicht zum Leben reicht. Auch Minijobs sind im Trend. Ein Großteil der 7,8 Millionen Minijobber*innen ist weiblich, viele Frauen bereits über 60 Jahre alt. Mit diesen Jobs lässt sich später kaum eine vernünftige Rente beziehen und sie bieten darüber hinaus nur wenig Sicherheit.

Sicherheit

Apropos Sicherheit: Arbeitsplätze sind heute grundsätzlich viel unsicherer geworden. Unbefristete Arbeitsverträge sind ein seltenes Gut und ziehen eine Menge Nachteile mit sich. Schlechtere Aufstiegschancen, keine Kreditwürdigkeit und sogar Schwierigkeiten, einen Mietvertrag zu bekommen – die Liste ist lang. Leicht vorstellbar, dass solch eine Unplanbarkeit gerade Menschen mit Verpflichtungen, die etwa eine Familie zu versorgen haben, stark belastet.

Umso schöner, wenn der Arbeitgeber Benefits anbietet, etwa Weihnachtsgeld, Boni, eine Kantine oder sogar Mittagessen und Getränke for free. Diese Arbeitgeber sollten wir am Tag der Arbeit besonders feiern, auch wenn ihr Engagement selbstverständlich sein sollte! Schließlich sind gute Arbeitskräfte die wichtigste Ressource eines gut laufenden Unternehmens. Das sollten wir uns immer wieder bewusst machen, wenn wir unsere uns zustehenden Rechte einfordern.

Work-Life-Balance

Schlechtere Bezahlung und weniger Sicherheit führen leider häufig zu Überstunden. Wer um seinen Job bangen muss, ist eher bereit extra Stunden zu schieben um sich mit der Chefin oder dem Chef gut zu stellen. Wer zu wenig verdient, hängt sich lieber noch eine Schicht hinten dran. Aber nicht immer werden Überstunden auch vergütet oder können abgebummelt werden. Im Gegenteil, in vielen Branchen gehören sie mittlerweile sogar zum guten Ton!

Ein Blick in die Historie zeigt, dass das nicht immer so war. Galt Arbeit lange nur als notwendiges Übel zum Überleben und das Streben nach materiellem Wohlstand als Laster, hat sich seit Beginn der Industrialisierung die Forderung der westlichen Gesellschaft auf ein „Recht auf Arbeit“ manifestiert. Zunehmend prekäre Arbeitsverhältnisse stehen heute dauererreichbaren Workaholics gegenüber, die ihren Job mehr als Berufung denn als Pflicht verstehen. Wir sollten den Tag der Arbeit nutzen um darüber nachzudenken, wie viel Lebenszeit wir wirklich für unsere Arbeit opfern möchten. Wenn du einen Job mit Sinn suchst, der deine Lebenszeit wert ist, schau doch mal hier vorbei.

Flexibilität und Selbstführung

Um trotz Überstunden wieder mehr Zeit für Alltagsaufgaben, aber natürlich vor allem für die schönen Stunden mit Familie und Freunden zu haben, ist Flexibilität das A und O. Gerade alteingesessene Firmen müssen häufig noch daran arbeiten, ihren Mitarbeiter*innen mehr Freiheiten und damit auch mehr Eigenverantwortung zuzugestehen. Gleitzeiten, Vertrauensarbeitszeit und Home-Office - die Zeiten von New Work versprechen eine bessere Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Gerade für Menschen mit Beeinträchtigungen und Eltern sind das wichtige Voraussetzungen, um ihrem Job gut nachkommen zu können. Insbesondere wenn man bedenkt, dass bei den sinkenden Löhnen auch immer mehr Familien finanziell darauf angewiesen sind, dass beide Elternteile arbeiten gehen. Aber ob finanziell notwendig oder nicht, es sollte allen ermöglicht werden, sich über einen Job zu erfüllen. Und das geht nur über Inklusion, Vertrauen in seine Mitarbeiter*innen und Flexibilität.

Faire Produktionsbedingungen – auch für unsere Mitstreiter*innen im Ausland

Auch wenn es auf dem deutschen Arbeitsmarkt noch viel zu tun gibt, mit unseren Arbeitsschutzgesetzen geht es uns in Deutschland noch gut. Anders sieht es häufig in ärmeren Ländern aus. Kinder- und Zwangsarbeit, gesundheitsschädigende Arbeiten und Verstöße gegen internationale Menschenrechte sind leider weltweit immer noch an der Tagesordnung. Mit unserem Konsumverhalten unterstützen wir diese Machenschaften häufig mit. Am ersten Mai sollten wir deshalb auch dafür auf die Straße gehen, dass all unsere Konsumgüter unter fairen Arbeitsbedingungen sowie unter Einhaltung internationaler Normen hergestellt wurden und uns mit unseren Mitstreiter*innen im Ausland solidarisieren.

Umweltschutz

Der Kapitalismus ist zu einem System der Ausbeutung verkommen – nicht nur der Menschen, sondern auch der Natur. Neben der sozialen Gerechtigkeit, ist es deshalb unabdingbar auch einen Blick auf die Wirkung der Aktivitäten eines Unternehmens auf unsere Umwelt zu werfen. Firmen, die umweltschädlich agieren oder produzieren sind nicht nur schlecht für die Natur, sie schaden in erster Linie auch uns selbst. Wir sollten am 1. Mai also auch für eine lebenswerte Zukunft kämpfen mit sauberer Luft, sauberem Trinkwasser und einer nachhaltigen Nutzung von Rohstoffen.

 

Auch wenn der 1. Mai ein FEIERtag ist, vergesst neben dem Feiern nicht, wofür er eigentlich steht: den Arbeiterkampf für faire Arbeitsbedingungen. Nutze den Tag also, um zu demonstrieren und über deine eigenen Arbeitsbedingungen nachzudenken. Wenn du das System der Ausbeutung mit deiner Arbeitskraft nicht mehr unterstützen möchtest, schau dich doch bei uns mal nach einem Job mit Sinn um.