Rassismus ist ein Bestandteil unseres Alltags, er ist ein Mittel der strukturellen und individuellen Unterdrückung und Entmachtung (marginalisierter) Gruppen und beruft sich dabei vor allem auf kulturelle Merkmale, allen voran Hautfarbe. Rassismus als „Wahrnehmungssystem“ ist teilweise so tief in uns und unseren gesellschaftlichen Strukturen verankert, dass man fälschlicherweise denken könnte, wir seien eigentlich nur Opfer unserer Geschichte und haben uns unwillkürlich zu den Menschen entwickelt, die wir sind. Falsch! Wer sich mit Aussagen wie „man kann es nur falsch machen“ freikaufen möchte, delegitimiert damit nicht nur antirassistische Aufklärungsarbeit, sondern unterstützt aktiv genau die kollektive Lähmung, die uns zu träge macht, die Dringlichkeit unseres Handelns zu erkennen. Wer sich also im Jahre 2020 noch davor sträubt, internalisiertes Fehlverhalten anzuerkennen und sich seiner Privilegien zu bekennen, hindert damit eine ganze Gesellschaft daran sich weiterzuentwickeln.

Antirassismus ist kein Wettbewerb, kein Rennen, das es zu gewinnen gilt und schon gar nicht ein Akt mit definiertem Anfangs- und Endpunkt. Was jetzt gefragt ist, und es eigentlich auch schon immer war, lautet Allyship (dt. Verbündung). Als Ally versprechen wir unseren betroffenen Mitbürger*innen nicht nur eine schwarze Kachel in unserem Instagram-Account, sondern aktives Streben nach Respekt und Empathie für die Menschen, denen Gleichberechtigung (heute noch) vergönnt ist. Allyship ist die Verpflichtung, den Kampf gegen Rassismus nicht länger als den ihren, sondern den eigenen zu sehen, gänzlich unabhängig von der eigenen Betroffenheit.

Bilde dich (weiter)

Wer’s nicht besser weiß, kann’s nicht besser machen. Das bedeutet nicht, dass Unwissenheit eine Entschuldigung ist, sondern eher, dass Bildung das Fundament für Veränderung darstellt. Glücklicherweise gibt es zahllose (schwarze) Aktivist*innen, Autor*innen und Personen des öffentlichen Lebens, die nicht nur ihre persönlichen Erfahrungen teilen, sondern das Thema Rassismus auch soziohistorisch beleuchten. Hier ist eine Auswahl für Einsteiger:

„deutschland schwarz weiß“ (Buch) von Noah Sow
„Exit Racism“ (Buch) von Tupoka Ogette
„Tupodcast“ (Podcast) von Tupoka Ogette
„Was weiße Menschen nicht über Rassismus hören wollen aber wissen sollten“ (Buch) von Alice Hasters

Fühle dich nicht angegriffen

Spoiler Alarm: hier geht’s nicht um dich! Es sei denn, es geht doch um dich – klar. Die meisten von uns sind von strukturellem Rassismus ganz einfach nicht betroffen und jede andere Behauptung wäre falsch. Whataboutism á la „es gibt auch Rassismus gegen Weiße“ oder „als Rothaarige*r ist das Leben auch schwer“ ist unangebracht und lenkt vom Thema ab, oder schlimmer noch, banalisiert es gleichweg. Schließlich geht es beim Rassismus-Diskurs auch nicht um die eigene Schuld, sondern darum, sich der eigenen Verantwortung zu bekennen und basierend darauf zu handeln. Jede*r zählt und kann etwas bewirken: diese Erkenntnis hat auch etwas Befreiendes und Bemächtigendes, denn sie bedeutet, dass wir diese Veränderung kollektiv bestimmen und vorantreiben (müssen). Kein Grund also in den Überlebensmodus zu wechseln und sich persönlich bedroht zu fühlen. Besser: Kraft und Motivation aus der Verantwortung schöpfen und erkennen, dass jeder noch so kleine Schritt ein Schritt ist! 

Werde aktiv 

Organisationen und Initiativen, die sich mit Antirassismus beschäftigen, erhalten endlich die Aufmerksamkeit, die sie brauchen und verdienen. Wer abseits vom eigenen Denken und Handeln aktiv werden möchte, findet (in Deutschland) eine riesige Auswahl an Anlaufstellen, die man finanziell, mit einer Unterschrift oder anderweitig unterstützen kann (und sollte!).

Amadeu Antonio Stiftung
Die Amadeu Antonio Stiftung fördert seit 1998 unsere demokratische Zivilgesellschaft und setzt sich konsequent gegen Rassismus und damit verbunden vor allem Rechtsextremismus ein. Die Stiftung fördert eine Reihe von Präventionsprojekten, Aufklärungsarbeit und die Beratung von Opfern rechter Gewalt und Rassismus.

Gesicht zeigen! Für ein weltoffenes Deutschland e.V.
Gesicht zeigen! setzt sich bundesweit gegen jede Art von Diskriminierung ein und leistet extensive Arbeit im Bereich Aufklärung und politische Bildung. Der Verein bietet unter anderem Bildungsmaterial (Filme, Spiele, etc.) an um die Arbeit zum Thema Anti-Rassismus in Schulen unkompliziert und spielerisch zu fördern.

Informations- und Dokumentationszentrum für Antirassismusarbeit e.V.
Das IDA gilt als zentrale Anlaufstelle für alle relevanten Infos zum Thema Antirassismus in Deutschland. Als Dienstleistungszentrum informiert, dokumentiert, berät und qualifiziert der Verein Menschen/Organisationen in allen Rassismus-, Diversitäts- und Diskriminierungsfragen.

Bleib wach

Erziehung hin oder her, spätestens im Erwachsenenalter sind die allermeisten Menschen kognitiv so aufgestellt, dass sie über ihr Verhalten reflektieren und es ändern können. Hierbei bedarf es zunächst einmal der Fähigkeit ehrlich zu sich selbst zu sein, da hakt es bei vielen Menschen leider schon. Die eigenen Gedanken zu beobachten und gegebenenfalls zu kritisieren kann sehr unbequem sein und uns Abgründe aufzeigen, die wir nun wirklich nicht sehen wollen. In genau dieser Fähigkeit liegt aber unser wohl größtes Potenzial: wie schön wird das Leben, wenn jede*r die Fehlfunktionen unseres Zusammenlebens und Umgangs statt mit der Lupe zunächst einmal im Spiegel sucht.

Endlich liegt das Thema Antirassismus völlig offen in der Mitte der Gesellschaft, den meisten Menschen direkt vor der Nase. Damit das so bleibt und die Diskussion nicht mit alten (Social Media) Trends in den Tiefen des Internets versauert, dürfen wir nicht aufhören darüber zu sprechen. Antirassismus muss fester Bestandteil unseres Narratives sein. Wir dürfen Gesellschaft nicht mehr diskutieren, ohne dabei Rassismus zu diskutieren.