Ob in den USA oder Großbritannien, Frankreich oder Italien: in einst wetterfest geglaubten Demokratien öffnen sich tiefe gesellschaftliche Klüfte. Beleidigungen und Hass gegen Andersdenkende treten an die Stelle kritischer Auseinandersetzung. Ein großer Teil der Gesellschaft fühlt sich vom anderen vernachlässigt, ja verachtet. Auch Deutschland ist von solchen Entwicklungen nicht frei. Was also tun? 

Sicher: im Vergleich zu vielen anderen Ländern in der Welt, auch den meisten großen westlichen Demokratien, scheinen die Menschen in Deutschland noch auf gesellschaftlichen Zusammenhalt vertrauen zu können. Aber auch hierzulande sind die Gräben tiefer geworden, werden Trennlinien immer sichtbarer: zwischen Demokraten und Populisten, zwischen Arm und Reich, Stadt und Land und immer noch zwischen Ost und West.

Die Sorge vieler, im Wettbewerb um Wohlstand und Anerkennung nicht mithalten zu können, mischt sich mit ängstlicher Ungewissheit, ob wir die großen Herausforderungen unserer Generation – von Klimawandel und Terrorismus über zunehmende Migration bis zum Vormachtstreben Chinas – erfolgreich bestehen können.

Konflikte überwinden und Gräben zuschütten

Das alles nagt am Zusammenhalt auch der Menschen in Deutschland. Umso wichtiger ist, dass wir uns mit alten Gegensätzen und neuen Entfremdungen nicht abfinden, sondern ihnen mit konkreter Zuversicht begegnen. 

Für die Kluft zwischen alten und neuen Bundesländern gilt:  je erfolgreicher die neuen Länder in der Ansiedlung moderner Unternehmen, wichtiger staatlicher Institutionen und kreativer kulturelle Aktivitäten sind, desto größer die Chance, dass die Zahl derer schwindet, die sich dort unverstanden, ja „abgehängt“ fühlen. Auch wenn es Zeit brauchen wird, bis ganz zusammengewachsen ist, was zusammengehört. 

Für die Verwurzelung Deutschlands in Europa  zeigt ein fundierter Blick auf unsere Geschichte, wie ihn der Historiker Heinrich August Winkler in dem soeben erschienenen Band: „Trotzdem: Was uns zusammenhält“ (Murmann-Verlag, 2020) unternommen hat, sehr klar: Spaltungen und Teilungen haben Deutschland ins Unglück gestürzt. Umso wichtiger, dass wir uns immer wieder das Glück unserer heutigen Lage bewusst machen: als Nation in allseits anerkannten Grenzen vereint zu sein, ringsum ohne Feind*innen und mit unseren Nachbar*innen und Partner*innen entscheidende Teilhaber*innen an der voranschreitenden europäischen  Einigung. Dieses Glück gilt es, durch immer neue Anstrengungen zu wahren.

Lehren aus Corona

2020 hat weltweit und auch bei uns ganz im Zeichen der Pandemie gestanden. Die gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Folgen sind noch nicht ausgemacht. Fest steht aber: Corona hat beides ausgelöst: verstärkte Zuwendung und Solidarität sowie gründlicheres Nachdenken über unsere gesellschaftliche und ökonomische Zukunft, zugleich aber auch Vereinsamung, Entsolidarisierung, Rücksichtslosigkeit und die Vertiefung sozialer Gräben. Diese Gefahren zu erkennen und ihnen mit gezieltem Handeln von Staat und Gesellschaft zu begegnen, wird über die Zukunft unseres Landes entscheiden.

Und die Chancen, neuen Zusammenhalt aus dieser Krise zu gewinnen, stehen bei uns besser als vielerorts: Wir haben einen klug organisierten, föderalen Staat, eine vitale Zivilgesellschaft, eine beeindruckende Kultur-Landschaft, eine starke Wirtschaft.  

Diese Chancen können wir wahrnehmen, wenn wir die Probleme nicht unter den Teppich kehren und sie entschlossen, ohne Verschwörungstheorien oder nationalistische Verzerrung, nüchtern anpacken. 

 

Das im November im Murmann Verlag erschienene Buch „Trotzdem: Was uns zusammenhält“ berichtet über die momentane Lage der Nation und bildet mit verschiedensten Beiträgen ein breites Panoptikum größter Expertise zu den wichtigsten politischen, gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Herausforderungen, vor denen unser Land im Jahr 2021 steht. 

Mit Beiträgen von Marina Weisband, Susanne Schröter, Sylvie Goulard, Kerstin Faber, Michael Hüther, Heinrich A. Winkler, Reiner Klingholz und Richard Schröder.